Der falsche Weg, der richtige Gipfel

Gemeinsam mit meinem besten Freund wollte ich den höchsten Berg Irlands besteigen – den Carrauntoohil. Drei Routen führten nach oben: leicht, mittel und schwer. Wir wollten, ganz heldenhaft aber realistisch, den mittleren Weg nehmen. Nur war die Beschilderung… sagen wir, irisch vage. Statt klarer Wegweiser vertrauten wir auf eine Mischung aus Bauchgefühl, Fernsicht und Zufall.

Nach kurzer Zeit fanden wir uns auf einem schmalen Pfad wieder, der nicht so richtig „mittel“ wirkte – aber immerhin führte er irgendwo hin. Unterwegs begegneten wir einer kleinen Herde Schafe, mit denen wir ein kurzes, einseitiges Gespräch führten. Sie schienen unsere Zweifel zu teilen. Und dann kamen unsere Retter: ein älterer Mann mit seiner Tochter, beide ortskundig und ausgestattet wie 

Dramatische Bergkulisse am Carrauntoohil

für eine Polarexpedition. Wir schlossen uns an – ohne zu wissen, dass sie den schwersten Weg gewählt hatten.

Technisch waren wir nicht vorbereitet: keine Handschuhe, keine Mütze, keine Ahnung. Nur feste Schuhe und eine gewisse Neugier. Der Vater hatte zum Glück alles doppelt dabei – Handschuhe, Mützen, sogar Energieriegel. Er stattete uns aus, als wären wir Teil seiner Wandergruppe.

Der Weg wurde anspruchsvoll. Geröll, steile Anstiege, Kälte – aber die Landschaft war atemberaubend. Und je höher wir kamen, desto schöner wurde die Aussicht. Bis zum letzten Abschnitt: eine felsige Flanke, außen am Berg, nichts für schwache Nerven. Mit Herzklopfen und zitternden Knien kraxelten wir Richtung Gipfelkreuz – bereit für das große Panorama…

Zwei Wanderer am Gipfelkreuz des Carrauntoohil im Nebel

…und standen im Nebel. Komplett. Null Sicht. Dafür standen wir da oben nicht allein: Nach und nach trafen mehr Wanderer ein, irgendwie war dieser Moment trotz der Sichtlosigkeit besonders. Vielleicht, weil man sich oben gar nicht so sehr an den Ausblick erinnert, sondern an den Weg dahin.

Der Abstieg auf der Rückseite war wie eine Erlösung: sanfte Hänge, weite Natur, spektakuläre Landschaft. Und irgendwann – ganz unten – das eigentliche Ziel: ein gemütlicher Pub, ein warmes Essen, ein kühles Pint. Ich schwöre, es war das beste Guinness meines Lebens.